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Firmengründung in Estland: Ein Erfahrungsbericht

Firmengründung in Estland: Ein Erfahrungsbericht

Das nördlichste Land im Baltikum hat die Vorteile der Digitalisierung bereits früh erkannt und umgesetzt. Nicht nur die Abgabe der Steuererklärung erfolgt papierlos, selbst Wahlen sind in Estland problemlos online möglich. Seit einigen Jahren können volljährige Bürger aus vielen Staaten eine digitale Identität in Estland beantragen. Die e-Residency ersetzt keine Aufenthaltserlaubnis oder Visa, berechtigt den Residenten jedoch ein Unternehmen zu gründen und eine estnische Steuererklärung abzugeben. Warum sich die Eröffnung einer Kapitalgesellschaft in dem kleinen EU-Staat lohnt und wie die schnelle Firmengründung vonstattengeht beschreibt der Autor, selbst Gründer von zwei Unternehmen in Estland, aus eigener Erfahrung.

Die Vorzüge einer Kapitalgesellschaft in Estland

Mit der e-Residency-Card können alle erforderlichen Unterschriften online abgegeben werden. Die rein digitale Aufbewahrung von Geschäftsdokumenten ist erlaubt. Ein Serviceprovider, mehr dazu später, stellt die Unternehmensanschrift zur Verfügung. Briefpost an das Unternehmen wird gescannt, an den Geschäftsführer weitergeleitet sowie digital archiviert. Das Unternehmen kann also von jedem Ort der Welt geführt werden und macht die macht die Private Company Limited besonders für Digitale Nomaden so reizvoll.

Bei einer Gründung ohne Haftungseinschränkung verbürgt sich der Unternehmer mit seinem gesamten Privatvermögen. Durch die Gründung einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung wird dieses Risiko auf ein Minimum reduziert. Die Mindesteinlage für eine GmbH in Deutschland liegt jedoch bei 25.000 €, für ein kleines Startup-Unternehmen erst einmal eine beträchtliche Summe.
Ist der Gesellschafter eine natürliche Person, ist bei der estnischen Kapitalgesellschaft schon ein Mindeststammkapital von 2.500 € ausreichend. Dieses muss zwar nicht sofort eingezahlt werden, es gilt jedoch zu beachten, dass sich die Haftung erst ab diesem Zeitpunkt auf die Einlage beschränkt. Auch Dividendenausschüttungen sind erst nach der Einzahlung des Stammkapitals möglich.

Steuerfälligkeit erst bei Ausschüttung

Die estnische Körperschaftsbeteuerung unterliegt einer attraktiven Sonderform. Die Pauschalsteuer von 20 % wird erst dann erhoben, wenn Dividenden, Gewinne oder Geschäftsführergehälter ausgezahlt werden. Gerade in den ersten Jahren, wo Gewinne oft vollständig wieder investiert werden entfällt so ein Großteil der Steuern.
Auf Geschäftsführergehälter kann unter Umständen eine Social Tax von 33 % fällig werden. Von dieser ist eine Befreiung, mit Nachweis einer Sozialversicherung in einem anderen Land, möglich. Im April 1998 wurde in der estnischen Hauptstadt Tallin das Abkommen zur Vermeidung der Doppelbesteuerung mit Deutschland unterzeichnet. Die Einkünfte werden also nicht in beiden Ländern steuerpflichtig.

Die Bewerbung als virtueller Bürger Estlands

Ein echter Bürger wird man mit der e-Residency Card zwar nicht, aber die digitale Identität ist Voraussetzung für eine Unternehmensgründung. Das Bewerbungsverfahren erfolgt online über den offiziellen Internetauftritt des estnischen Bundesgrenzschutzes. Neben allgemeinen Details zu Adress- und Ausweisdaten werden Angaben zu einer möglichen Vorbestrafung und dem Beweggrund für eine Antragstellung abgefragt.

Die Abholung der e-Residency Card muss zwingend persönlich erfolgen. Die Wahl des richtigen Standortes einer Auslandsvertretung ist also obligatorisch. Die zuständige Stelle in Deutschland ist die Botschaft der Republik Estland in Berlin. Reisende können sich aber zwischen weiteren 37 Abholstellen entscheiden.

Nach der Antragsstellung muss eine Bearbeitungsgebühr von 100,00 € überwiesen werden. Der Bescheid über eine Bewilligung oder Ablehnung erfolgt etwa 4-8 Wochen nach Zahlungseingangsbestätigung per Email, nach etwa einem weiteren Monat kann die ID-Karte am gewählten Standort abgeholt und aktiviert werden.

Zeit für das Kerngeschäft durch Service-Provider

Wenn die Freischaltung der Karte erfolgt ist, kann sich der Gründer für einen Service-Provider entscheiden. Empfehlungen der estnischen Regierung sind auf ihrer Webseite zu finden. Diese Unternehmen stellen nicht nur die estnische Postanschrift für die Firmengründung bereit und leiten die gescannte Post weiter, sie führen auch durch die Schritte der Unternehmensgründung und übernehmen die Korrespondenz mit den Behörden.

Einige Anbieter bieten auch die Übernahme der kompletten Buchhaltung, inklusive Jahresabschluss, an. Der Gründer erspart sich eine Reise nach Estland aus bürokratischen Gründen. Er kann sich voll auf den Unternehmensaufbau konzentrieren, während der Service-Provider nebenher alles Weitere regelt. Bei einem der beliebtesten Provider, LeapIn, ist das Komplettpaket aktuell schon ab 59,00 € im Monat erhältlich.

Den Firmennamen allerdings muss bzw. darf der Gründer natürlich noch selbst wählen. Wurde der Name, nach Prüfung von markenschutzrechtlichen und weiteren Bedenken festgelegt, wird noch eine staatliche Anmeldegebühr für Unternehmen in Höhe von 190,00 € fällig. Diese und weitere Auslagen für die Gründung kann sich der Unternehmer später erstatten lassen.
Ein Bankkonto für das neue Unternehmen eröffnen

Inzwischen befinden sich mehrere Online-Anbieter auf dem Markt, die ein Bankkonto in Estland ersetzen können. Das Multi-Währungskonto von TransferWise enthält neben weiteren internationalen Bankverbindungen eine europäische IBAN. Auch Kreditkarten stellen Online-Banken, oft kostenfrei, zur Verfügung.

Für die Onlineanbieter gelten strenge Vorschriften und sie müssen Kundengelder getrennt von den Mitteln des Unternehmens halten. Sie unterliegen jedoch nicht der Einlagensicherung. Wer nicht bereit ist dieses Risiko einzugehen, kann auch auf eine Bank in Estland zurückgreifen. Gute Erfahrungen wurden mit der LHV Bank in Tallinn gemacht. Auch wenn Service-Provider den Termin vorbereiten und sich vorab um die wesentlichen Schritte und Informationen kümmern ist momentan noch ein persönlicher Termin mit dem Kreditinstitut notwendig.

In einem Interview werden von der Bank nähere Angaben zum Vorhaben des Unternehmers erfragt. Auch danach sind gegebenenfalls weitere Information, etwa Nachweise für Kenntnisse und Erfahrungen zu dem geplanten Unterfangen oder zu Social-Media Profilen, für die Kontoeröffnung anzugeben. Bis zur Vergabe des Kontos sollte der Interessent nach dem persönlichen Termin noch etwa zwei Wochen einplanen.

Fazit

Die Gründung einer Kapitalgesellschaft in Estland erfolgt schnell, günstig und vergleichsweise sehr unbürokratisch. Die niedrige Mindesteinlage für eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, macht die Eröffnung besonders für Startups attraktiv. Digitale Nomaden profitieren von der Gründung ohne festen Wohnsitz.

Über den Autor

Silko Vogt

Silko Vogt

Silko Vogt ist seit 2006 als Online-Marketing-Experte selbstständig. Im Dezember 2017 hat er zwei Firmen in Estland gegründet. Das jüngste Startup Geldtransfer.org ermöglicht mittels einer innovativen Eigenentwicklung Einsparungen bei internationalen Geldtransfers. Aufgrund seines ortsunabhängigen Einkommen reist er viel, vorzugweise durch Südostasien.

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